BLOGBEITRAG

Erinnerungen an früher von Paul (Rainer) Heinzelmann

von Kappler | staedtle.de (Kommentare: 1)

Gerne lese ich deine Reden, Peter Rauscher, weil sie mich in Gedanken zurückführen zu den Barrikaden von 68, die Springerblockade vor der Bechtle-Druckerei, der NPD-Parteitag im Kursaal oder die Wahlkampfkundgebung von Kiesinger auf dem Stuttgarter Marktplatz.

Alle Menschen, die du in deiner Rede erwähnst,
trafen sich eigentlich im Bohnenviertel von Stuttgart.
Das Bohnenviertel
war eigentlich die Stuttgarter Altstadt
Rosenstrasse, Weberstrasse, Leonhardsplatz -
So in dem Dreh.
Es war ein altes Arbeiter- und Handwerkerquartier.
Aber im Lauf der Zeit so heruntergekommen,
Dass es nur noch Puff- und Peep-show-Viertel war. 

Die Stuttgarter Schickeria hatte es damals
noch nicht in Besitz genommen.

Also da gab es verschiedene Kneipen,
Es gab das Brett,
wo die Joints dampften,
das Widmer,
wo nicht jeder reinkam,
weil es einen Türsteher gab,
der Gesichtskontrolle durchführte -
besonders dann, wenn John Cranko und
das Stuttgarte-Ballett-Ensemble
im Hinterzimmer Kasatschok tanzten.

Es gab das Odyssia,
Wo die Lehrer der Jakobsschule abends ihren
Metaxa tranken.
Es gab das Schlauder, die Bierschwemme Brunnenwirt,
Das Gustav-Siegle-Haus
Wo legendäre Blueskonzerte veranstaltet wurden.
Sonny Terry
der blinde Blues-Sänger mit seinem Partner Browny Mcghee,
Champien Jack Dupree, der Boggy-Pianist,
Bei dem die Whiskyflasche auf dem Klavier mithüpfte
aber auch Wolfgang Dauner mit seiner energetische Spielweise,
Der cluster spielte und auch schon mal in die Klaviersaiten griff.
Den Kiosk Concilliante, wo man spät nachts
gegrillten Schweinebauch gewürzt mit Rosenpaprika verputzte.

Dann das Finkennest in der Weberstrasse
Der Wirt hieß Arthur und kam
aus der Sozialsiedlung Eiernest,
wo er 1928 als kleiner Junge
beim KJVD das Trommeln
in einer Schallmeienkapelle gelernt hatte.
In der Nähe des Eiernestes
Hatte auch die berühmte Fotografin
Gerta Taro gewohnt,
deren Vater Gemüsehändler war.

Arthur stand hinter dem Schanktisch
Mit schweren Lidern und
Melancholisch violett unterlaufenen Augen
Sog er an seiner Kippe.
Es gab keinen Bartresen
Nur die üblichen Brauerei-Tische
Aber mit Tischdeckchen und Blumenvase
Gäste waren
Die Mädchen vom Leonhardsplatz
Deren abgelegte Höschen und BH´die wände schmückten
Und das war die Attraktion der Kneipe,
Die immer gut besucht war, Handwerker, Bierfahrer,
Maler der Galerie Hirrlinger, Dichter,
Slampoeten und Linke.
Beinahe jeder war willkommen.
In einer dunklen Ecke saß
der bleiche, bärtige Dichter Manfred Esser,
Trank Obstschnaps und grübelte
Über die Sprache der Gäste nach,
diesen alten unnachahmliche
Stuttgarter Unterschichts-Jargon
wie man ihn nur noch
Im Bohnenviertel oder am Ostendplatz
zu hören bekam.

Zu vorgerückter Stunde trug er
Seine schwer verständlichen
Gedichte vor, die er mit Kugelschreiber
In seinen Schnellhefter gekritzelt hatte.
Er rezitierte mit viel Gefühl
Und Pathos die Ballade von
den Madonnen der Nacht,
und dem traurige Los des Mädchens
Gudrun aus der Webergasse
der Maria Magdalena vom Leonhardsplatz
die berühmt war für ihrem schönen Gang,
und dann von ihrem Luden
nach Frankfurt verschleppt worden ist
und dort vor Sehnsucht beinah verging nach
ihrer Heimat im Bohnenviertel.
Regelmäißig zum Weinachtsfest
Versammelte sich in Arthurs Kneipe
die „heiligen Familie vom Finkennest“ im Schankraum
um zu feiern.
Nutten, Knackies, Handwerker, Arbeiter
Alle saßen um den geschmückten Lichterbaum
Und verputzten Gänsebraten mit Rotkohl
Dazu reichlich Obstler und Wulle-Bier.
Danach, wenn alle gesättigt waren,
gab Arthur eine Kostprobe
seiner Trommelkunst
zum Besten. Die Vorstellung wurde
Begleitet von einem Stehgeiger
Und einer Django-Reinhard-Swing-Gitarre
Man spielte Schwarze Augen;
Bei mir bist du schön.
und andere Lieder.
Es wurde getanzt und gelacht.
Alle waren richtig Hacke
Und die ganze Kneipe,
die Nutten, Bierfahrer und Verwaltungsangestellten
sangen die alte schwäbische Weise
Von dem Bua mit den“ Rollen-Haaren“ (Locken)
den man so gerne hätte,
und dem Refrain
„ja das wär schön“.
Bis die Mädchen zu weinen begannen
Und Wimperntusche zerfloss
In schwarzen Mascarabächen
Über rotgeschminkten Wangen
die schrägste Katzenmusik
aller Zeiten klang hinaus
auf das gelbbeleuchtete Pflaster der Weberstrasse
und die Schlüpfer an den Wänden
und Wäscheleinen
bewegten sich leise mit.
Das war das Finkennest und
Das war das Stuttgarter Milieu und mittendrin
Der linke Club Voltaire,
ein exotischer Fremdkörper
Im Bohnenviertel und er wurde dort
geduldet und respektiert.
Es war ein linker, politischer Club und
Es wurden dort Versammlungen und
Diskussionsrunden abgehalten
Mit alten politischen Kämpfern
Aus vergangenen Zeiten.

Wie Fritz Lamm , der dort
Aufrührerische Reden hielt
Von Klassenkampf und Revolution
Während draussen vor der Tür
die Beamten vom Verfassungschutz
In ihren billigen Trenchcoats
Unauffällig auf und abgingen.

Der Club Voltaire war uns Jungs aus dem
Stuttgarter Osten eigentlich fremd.
Das wir uns da rein verirrten war eher Zufall.
Wir waren ja keine Studenten,
hatten nicht mal Abitur.
Wir waren einfache Jungs,
die einfachen Jobs nachgingen,
keine Interllektuellen oder Akademiker
Guy Schmidt war Praktikant am Bau.
Ich jobbte als Auslieferungsfahrer.
Wir zogen um die Häuser
Im Bohnenviertel um uns zu amusieren
Hinter der düsteren Leonhardskirche
Und dem Gustav-Siegle-Haus,
Wo schon die Mädchen standen
Die auf Freier warteten
Und sich im Schlauder aufwärmten
Bei einem glas Tee mit Rum,
Denn es war kalt und auf den Straßen wenig los.
Wir genehmigten uns einen
Spieß mit scharfer Sosse und Brot
Dazu ein Silberhals.
Wir rauchten unsere Selbstgedrehten und
Überlegten, was wir unternehmen könnten.

Neben uns am Tresen stand ein kleiner, älterer Typ
Und fragte uns, ob wie Interesse an Politik hätten.
Leicht angetrunken mit nikotingelben Fingern
stellte sich als Fritz Lamm vor
und begann seine story zu erzählen,
wie er vor Hitler nach Kuba geflohen ist
und dort gelebt hat und respektiert wurde.
Er drückte uns zum Abschluß ein flyer in die Hand.

10 Minuten später saßen wir
in dem völlig verqualmten
Vortragssaal des Club Voltaire in der Leonhardsstraße
Tranken Flaschenbier und
pafften unsere selbstgedrehten Schwarze Krause.
Auf dem Podium saßen Lamm, Rauscher, Hoss, Grohmann
Alles Namen verdienstvoller politischer Aktivisten
Vietnamkrieg, Springerblockade in Esslingen,
Rote-Punktaktion, Beate Klarsfeld-Prozess usw.
Der Club war voll besetzt.
auf Stühlen und Bänken saßen
Bundeswehr- Deserteure, junge Arbeiter ,
Lehrlinge, Schüler, die es satt hatten von ihren Chefs
und Lehrern schikaniert zu werden,
Trebegänger aus dem Heim in der Olgastrasse
Jungs und Mädels, die von zuhause abgehauen waren,
Geflohen vor dem Mief der schwäb. Puppenstuben
und den Prügeleltern,
die Arbeitslosen, die ihre Miete nicht mehr zahlen konnten,
alle schrien durcheinander und
wollten ihre Geschichte erzählen
es war eine Atmosphäre von Wut und Rebellion.
Alle wollte sprechen und
Sie kamen zu Wort.

Als erster meldete sich ein Lehrling,
der erzählte mit lauter Stimme, dass
er fristlos entlassen worden sei.
Als Kündigungsgrund nannte die FIRMA
Anstiftung zu Störung des Betriebfriedens
Und Aufhetzung der anderen Lehrlinge.
Er bekam viel Beifall und wurde an die
rote hilfe rechtsberatung für Justizopfer verwiesen.
Dann sprach die Projektgruppe Jugendkommune –
wie organisiert man Trebegängerinnen, Stromer
und umherschweifende Jugendliche.

Danach folgte ein Referat: Was erwartet
der griechische Widerstand von seinen deutschen Freunden
(die Rolle der USA und der Nato).

Danach kam die Aktion zur Befreiung der Frau zu Wort
– Die Misere der Kitas
– Zum Schluß der Veranstaltung wurde
– Auf eine direkte Aktion des Clubs hingewiesen.
– Die Kiesinger-Aktion im
September 69 - es war Bundestags-Wahlkampf
Kiesinger gegen Brand und
Kiesinger sollte ins Stuttgart
Eine Wahlkampfrede
Auf dem Rathausplatz halten.
Das war der Anlass für
Eine Protestaktion des Club Voltaire...
Mit Plakaten und Flugblättern.

Es meldete sich eine Technikgruppe mit der
Anleitung zur Herstellung von Farbeiern und einem
Wasserglas-Rezept zur Herstellung von unlösbarem
Klebstoff für Poster und Plakate.

Am Samstagmorgen
gegen 10 Uhr warteten schon einige Tausend
CDU-Anhänger auf dem Rathausplatz.
Viele kamen mit Bussen von weit her
Aus Oberschwaben und aus dem tiefen Schwarzwald
Aber auch von der Stuttgarter Halbhöhenlage,
wo die besseren Stuttgarter Bürger wohnten.
Man sah gutgenährte, sauber gekämmte und rasierte
Männer im Sonntagsstaat mit weiten Bügelfaltenhosen,
weißen Hemden und Krawatte,
Auch Tirolerhüten mit den Abzeichen
Vom Schützen- und Wanderverein.
Schäferhunde waren auch dabei,
Eine Trachtenkapelle in Kniebundhosen
stimmte die BW-Hymne an
Keiner kannte den Text.

Viele Frauen in Dirndl oder Burda-Kostüm
Mit Dauerwelle und mit Blumenkörben
Im Arm, mit frischgewaschenen Kindern
An der Hand – alle freudig erregt
In Erwartung des berühmten Gastes aus der Politik.
Argwöhnisch beäugten sie uns.

Wir, die Demonstranten, die langhaarigen, unrasierte ,
die selbstgedrehte Zigaretten rauchten
In converse-Turnschuhen und verwesten Lederjacken.
Die linken Krawallmacher, waren etwa 100
versammelten an der Ecke des Spielwarenladens Kurz.

Sie drohten uns mit ihren Spazierstöcken-
Gammler, geht doch nach drüben.
Schauts sich euch an, die Stinker
Wascht euch zuerst mal

Auf der Treppe vor dem Haupteingang
des Rathauses war das Sprecherpodium aufgebaut.
Davor ein Sicherheitszone mit Sperrgitter
Und einer Linie von Ordnern,
alles Mitglieder einer Kampfsportschule, Karatekämpfer,
also Leute, die Dachziegel durchschlagen konnten.
Da trat Kiesinger ans Mikrofon.
in einem hellen, weiten Sommeranzug
Etwas bauchig, schlaffes, fleischiges Gesicht
Die Silberhaare flach nach hinten gekämmt.

Kiesinger begann mit seiner Rede.
Mit dem üblichen Schmonz,
Lobte Fleiß und Aufbauleistung der älteren Generation,
Die uns Frieden und Wohlstand, Ruhe und Ordnung gebracht hätten.
Aber er kam dann schnell zum Punkt:
der Störer und Krawallmacher der APO
Wollte mit Gewalt das Land verändern
Den Rechtsstaat abschaffen, Chaos und Anarchie verbreiten.
Wer heute noch glaubt, diesen Leuten
Durch beschwichtigende Reden begegnen
Zu können, der ist ein armer Tor.

Zu diesem Zeitpunkt kamen die ersten „Nazii-Rufe
Aus der Ecke der Linken.
Da kam ein alter Mann aus der Tür
des Spielwarengeschäfts Kurz und
Hielt eine Einkaufstüte in der Hand.
Die bis zum Rand mit Kinder-Trillerpfeifen
Gefüllt war, die er zügig an die erstaunten Demonstranten verteilte.
Die sie dann auch benützten.
Es begann ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert.
Trotz Lautsprecheranlage war
Von Kiesingers Rede nichts mehr u hören.
Nun trat die Ordner-Riege in Aktion
Sie kesselten uns ein,  rissen uns die Flugblätter aus den Händen.
Und kappten unsere Transparente
Und zerfetzten unsere Plakate mit gezielten Karateschlägen.
Auch Polizei setzte Schlagstöcke ein,
Um die Demonstranten auseinanderzutreiben.

Guy wurde von einem Polizisten
an den Beinen weggeschleift,
so dass Oberkörper und Gesicht über
den rauen Asphalt schürfte, seine Gesichtshaut aufplatzte
und seine Kleider zerissen.
Dafür ab ins Polizeiauto, geprügelt.
Und er erhielt eine Anzeige wegen schwerem Landfriedensbruch
und Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Die Polizei drängte uns ab Richtung Schillerplatz
und wir zogen die Internationale singend
zurück ins Bohnenviertel und feierten im Brett
mit viel Metaxa und Bier unseren Sieg.


Doch was ich eigentlich sagen wollte,

Da wurde das Hölderlinwort wahr, die schwäbischer Elegie:
” dieses Wenige soll heute zum Glänzen kommen” , die linke Mantra.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von jonny balcerowiak |

...von Jonny
Eigentlich lebe ich schon einige Jahre in Berlin
aber ich denke gerne zurück an das Leonharsdsviertel,
und wenn ich die Augen halb schließe,
fallen mir einige stories wieder ein.

Wir trafen uns manchmal beim Brunnenwirt,
Schräg hinter dem Gustav-Siegle-Haus.
Ab 11 Uhr vormittags geöffnet.
Nicht , daß der Brunnenwirt
unsere Stammkneipe gewesen wäre,
Wie schauten auch ins „Concha“ rein,
wo die Musiker von Konrads-Jazzschule
ihren Latte tranken, oder ins Einstein
auf ein Bier,
oder abends in die „Kiste“ oder ins „Bix“
(wenn man die Kohle für den Eintritt hatte).
wir kuckten uns die Ausstellungen
des Kunstmalers Leippert an
gingen aber auch gerne zum brunnenwirt –
um ne Runde Skat zu spielen.
Das vergessene/wiederentdeckte Kartenspiel
Mit 32 Karten, etwas spießig, aber wir mochten es.
Manchmal spielten wir um Zehntel
Oder um die Getränke:
Spezi oder Schorle weiss -sauer
Aber vom Lehrensteinsfelder
Kein Schund.
Und hatten unseren Spaß.
Da war Loretta Salem
echtes Kiezkind und eine Schönheit,
sie fuhr Taxi und ich sah sie
zum ersten mal am Taxistand Breuninger,
locker an den Kühler einer Daimlerkutsche gelehnt,
mit einem Becher Caffee to go in der Hand
und Kippe natürlich.
Loretta auch war politisch engagiert,
in der Linke-connection,
ging zu Montagdemos von S-21
und verteilte flyer für Verdi
Jenny Treppschuh war auch dabei ,
die in einem Kita jobbte,
der einmal bestreikt wurde,
und Hanna Libuda, die Buchhändlerin,
die unermüdlich in Antiquarien
nach vergessenen Büchern stöberte:
Flugasche, Anni-Geiger-Gog, Manfred Esser
und wie sie alle hießen.
dann mein Kumpel Manni Bongartz,
Und ich, Jonny Balcerowiak,
mit meinem Job als sprayer oder Plakatmaler
Zugegeben „legal graffitis“,
also Ornamente, Characters, Schriften
zur Verschönerung des öffentlichen Raums,
Baustellenzäune, Kitas ect.
Übers sprayen könnte ich einige stories erzählen,
im Stil von:
„Code der Zeit an den Wänden der Stadt“
aber das gehört jetzt nicht hierher,
Außerdem wurde sprayen bekanntlich verboten.
Stimmt, Wir hätten auch ins cafe einstein gehen können
Aber man will dort keine Skatspieler haben,
mit dem ganzen Geschrei: 18! Ja! 20! Ja! 2, 0 , 4 …..
ist ja wohl zu Assi.
Darum gingen wir zum Brunnenwirt
Tritt ein!
Jeder ist willkommen. Und man kriegt vorne am Kiosk
Ne anständige Curry von der Roten.
manni und ich hockten auch gerne im Basta
bei einem guten Glas Wein,
quatschten und träumten von fernen exotischen ländern
"wenn der Wind von Süden weht",
so in der Art.
ja, die alten Jungenträume,
sie haben uns nie verlassen.
wir wollten eigentlich alle abhauen.
und die ganz große Flatter machen
von der Welt was sehen
An jenem Donnerstagmorgen?, allerdings,
Saßen wir im „La Concha“ bei einem Latte macchiato
als Lorettas i-phone fiepte,
SMS #Stuttgart 21-Bambule#
im mittleren Schlossgarten#
wenn ihr Bock habt, schaut mal vorbei#
Also passt schon!
Wir hörten schon, wie die Einsatzwagen der Polizei
die Hauptstätter Strasse runterpesten.
ließen uns aber nicht weiter abschrecken
überquerten den Charlottenplatz
über die Fußgängerbrücke
und liefen weiter am Neuen Schloss vorbei
Richtung „ mittlerer Schloßgarten“.
Schon von weitem hörte man die Sprechchöre
Der Demonstranten: „oben bleiben!“
ich sah den Gesichtern meiner Freunde an,
Wie die Spannung in ihnen wuchs und in mir auch.
„Du spürst, wie dir das Blut durch die Adern braust“
Lachte Jenny
„Und dann spürst du, dass du lebst.“
antwortete Loretta
Ja, Das waren so ihre typischen Sprüche,
für die wir sie liebten.
Hanna schaute beunruhigt umher,
überall Blaulicht , Sirenen
Und Wasserwerfer.
ich zappelte auch ganz schön nervös.
Nur Manni schien völlig ruhig und gesammelt.
Loretta übernahm dann
wie selbstverständlich die Führung.
sie ergriff als erste das Wort.
„Aufgepasst, es wird gleiche Turbulenzen geben
wir bleiben deshalb immer dicht beisammen
unterhacken!, an den Händen halten!
jeder passt auf den andern auf!
Egal was passiert,
und wenn einer von der Polizei
Gekascht wird, ruft er auf der Wache
diese Telefon-nummer an“!
Sie verteilte jedem einen kleinen zettel
Die sie schnellaus ihrer Tasche zog..
„Ganz so unvorbereitet scheinst du ja nicht zu sein“
grinste Hanna
„Holzauge sei wachsam
auf dem Zettel steht die EA-
Nummer eines Rechtsanwaltes - aber nur keine Angst,
Wir werden das checken“.
Die Polizei fuhr mit ihren Wasserwerfern voll in die Menge
Und spritzten gezielte
Hochdruck-Wasser-strahlen auf Gesichter
Körper, Arme und Beine der Demonstranten
Die meisten Schüler, Rentner und Hausfrauen,
die Polizisten versprühten Pfefferspray
Um sie auseinanderzutreiben.
Es gibt mächtig Prügel. Vom Reizgas Erblindete
krochen auf dem Boden umher und riefen um Hilfe
Passanten, Haus-Frauen mit Einkaufstüten holten Zitronen
Aus ihren Taschen und tränken damit Taschentücher,
die sie an Augenverletzen verteilten.
Manni, der Verrückte,
er hielt sich nicht an unsere Abmachung:
zusammen bleiben,
Stürmte urplötzlich los und
versuchte im Alleingang
an der Polizeisperre vorbeizukommen,
bekam gleich ne Ladung Pfefferspray ab
und ging zu Boden
Loretta fluchte ,
„Der idiot kann es nicht lassen
Los! wir müssen in rausholen“!
Wir hakten uns unter, Hanna, Loretta, Jenny und ich
bildeten eine Art Keil,
nahmen die Arme schützend übern Kopf
Und preschten durch die Reihe der Polizisten,
bekamen natürlich eine stattliche Zahl Knüppelhiebe ab
konnten aber bis zu der Stelle vordringen,
wo Manni am Boden lag ,
wir packten ihn an Armen und Beinen
Und schleppten ihn aus der Gefahrenzone.
Jenny zauberte einige Heftpflaster aus ihrer Umhängetasche
Und tupfte Manni das Blut aus dem Gesicht
„Ich hab doch gesagt, wir bleiben zusammen.“
„Sorry, ich habs einfach mal probiert.“ stöhnte Manni.
„Völlig unüberlegt, du siehst ja,
wie weit du gekommen bist.
Manni humpeltein bißchen, war aber sonst ok.
„Los, wir haben genug gesehen,
wir machen die Flatter“!
Also tigerten wir zurück über die Neckarstrasse
bis zum Brunnenkiosk
und genehmigten uns zuerstmal
nen heißen Becher Kaffee to go
dann quatschten wir alles nochmal durch
so ging das eine Weile hin und her
Was man so machen könnte
um solche politischen Übergriffe
zu veröffentlichen..
eine on-line-zeitung, einen blog,
Doch keiner hatte so eine richtig gute Idee,
schließlich warfen wir unsere Pappbecher in den Müll.
Und schnippten unsere Kippen auf die Erde.
Wir umarmten einander und
Loretta küsste jeden einzelnen von uns .
Leute, ich muß jetzt gehen, sagte sie lächelnd,
Mein taxijob wartet
sehen uns wieder?
Wann?
Ich weiß nicht wann,
irgendwann , vielleicht wieder bei ner Runde Skat.
Ist gebongt!
macht es gut Leute,
passt auf euch auf !
Dann war sie verschwunden
Im lauen, leonhardischen Spätsommertag
Die fabelhafte Loretta Salem.

jonny balcerowiak

 

städtle.de | Für eine liebenswertes Städtle in der Altstadt Stuttgart